So macht Benjamin Labatut Physik zu Literatur – Top News

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Benjamín Labatut: Es bricht mir das Herz.

Das ist mein erstes übersetztes Buch, es sollte gleichzeitig in Spanien, Frankreich und Deutschland erscheinen, später in Italien und den Niederlanden.

Es ist das Highlight meiner kurzen Karriere.

Aber wie jeder andere konzentriere ich mich jetzt darauf, gesund zu bleiben und mich von anderen fernzuhalten.

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Cornelia Zetzsche: Eigentlich sollten Sie jetzt in Deutschland sein, um Ihr Buch “Das blinde Licht” vorzustellen.

Die Reise und alle Termine sind abgesagt, was bedeutet das für Sie?

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Hätte Corona nicht alles gelähmt, wäre Benjamin Labatut mit seinem Roman in Deutschland auf Tour.

Der Chilene verbindet in “Das blinde Licht” Poesie und Naturwissenschaft.

Ein Gespräch über todbringende Wissenschaftler und ein unberechenbares Virus.

Wem Mathe und Physik bislang ein Rätsel waren, dem werden Schwarze Löcher und andere Forschungen mit den virtuosen Erzählungen von Benjamín Labatut verständlich.

Die Deutschland-Tour des Chilenen wurde coronabedingt gecancelt, aber Cornelia Zetzsche erreichte ihn in Chile, das massiv vom Virus betroffen ist.

Der Schriftsteller zog sich mit seiner Familie in die Berge zurück.

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Welche Nachrichten kommen aus der Stadt, aus Santiago de Chile?

Der Blick aus meinem Fenster ist sehr idyllisch.

Ich sehe Zypressen und Eichen.

Ich sehe, wie sich Kolibris um die letzten Blüten im Garten streiten.

Aber selbst hier oben, kann man der Fragilität und Sorge nicht entkommen, in der wir alle leben.

Ich wüsste nicht wohin, wenn ich oder jemand aus meiner Familie sich mit dem Virus infizieren würde.

Obwohl es uns besser geht als den meisten, ist es eine seltsame Situation.

Es regnet immerzu.

Der Strom fällt aus, wir sind ohne Empfang fürs Mobiltelefon oder Licht.

Wir spüren, wie fragil wir sind, selbst wenn wir nicht zu Hause gefangen sind, und den Wald vor der Tür haben.

Sie haben sich in die Berge zurückgezogen.

Was sehen Sie, wenn Sie aus Ihrem Fenster schauen, in Chile ist ja jetzt Herbst.

Meine Eltern zogen um die Welt wegen der Arbeit, dann zurück nach Den Haag, aber dort ging ich in eine britische Schule.

Ich fühlte mich nie als Teil der Niederlande.

Wir lebten auch in Lima.

Das gibt einem das Gefühl, auf grundlegende Weise vertrieben zu sein.

Ich denke, Schreiben hat viel mit dem Gefühl zu tun, nicht wirklich einen Platz in der Welt zu finden und diesen Ort im Schreiben zu erschaffen.

Hätte Corona nicht alles gelähmt, wäre Benjamin Labatut mit seinem Roman in Deutschland auf Tour.

Der Chilene verbindet in “Das blinde Licht” Poesie und Naturwissenschaft.

Ein Gespräch über todbringende Wissenschaftler und ein unberechenbares Virus.

Sie sind in 1980 Rotterdam geboren, aufgewachsen in Den Haag und Buenos Aires, aber Sie leben jetzt in Chile.

Woher kommt diese internationale Biographie?

Die Corona-Lage in Chile wird immer schlimmer.

Die Hauptstadt ist im Lockdown.

Und wir erwarten den schwersten Winter seit Menschengedenken.

Die Leute schreien heraus, dass Lebensmittel fehlen.

Es gibt Proteste auf den Straßen, die Menschen haben ihr Einkommen verloren, wir sind ja kein reiches Land.

Die Situation ist ziemlich verzweifelt.

Unser Gesundheitssystem steht vor dem Kollaps.

Ich denke, die nächsten Wochen werden die schlimmsten.

Wir treiben wirklich zu auf das Auge des Sturms.

Sie erzählen Geschichten von Wissenschaftlern, Visionären, Pionieren und Genies, nah am Wahnsinn.

Und es ist unglaublich, wie Sie die Wissenschaft in eine poetische Sprache übertragen und verständlich machen.

Was fasziniert Sie so sehr an Mathematik und Physik?

Die besten Geschichten kommen aus der Wissenschaft.

Aber die Literatur untersucht das Besondere, das Wunderbare, Übernatürliche, Private, die Welt der menschlichen Erfahrung, das kann die Wissenschaft nicht.

Die Wissenschaft ist begrenzt auf Dinge, die wiederholen, was üblich ist.

Ich denke, die Mischung aus beidem gibt uns eine umfassendere Vorstellung von der Welt.

Und ich war besessen von Figuren, die hinter das Normale schauen können; die vielleicht auf Pfade abseits des üblichen Denkens führen.

Ihr Buch, “Das blinde Licht”, das jetzt in Deutschland erschien, bringt Naturwissenschaft und Literatur zusammen, die Wissenschaft ist ein seltenes Thema in der Literatur.

Was war Ihre Idee dabei?

Ich habe keinerlei Erfahrung in Mathematik und Physik.

Aber wenn man etwas tief erfassen möchte und aktuellen Forschungen folgt, landet man immer bei der Mathematik.

Mathematik kommt einer Universalsprache am nächsten.

Aber ich denke, höchstens zwei Prozent unserer Spezies sprechen sie.

Für die meisten ist Mathematik langweilig und unverständlich, und wir sind uns gar nicht bewusst, wie viele der heutigen Sichtweisen auf die Welt, direkt aus der Mathematik kommen.

Zum Beispiel die Vorstellung eines Multiversums, eine Science Fiction, die aus Schrödingers Gleichung kommt.

Und die Theorie des Multiversums besagt, wir sollten unser Universum nicht als das einzige sehen.

So macht Benjamin Labatut Physik zu Literatur

Sie sagten, die Universalsprache ist die Mathematik.

Ich dachte, es sei die Poesie.

Es begann damit, dass ich lernte, Blausäure ist ein möglicher Vorgänger unserer Aminosäuren, die unsere DNA und RNA bilden.

Ich wusste, es ist ein machtvolles Gift.

Und ich wusste, es bedeckt die äußere Hülle des Kometen Hailey.

Ich folgte diesem speziellen Molekül tiefer und tiefer und kam unausweichlich auf die Tatsache, dass es aus dem ersten synthetischen Pigment abgeleitet wurde, das man Preußischblau nennt.

Die Geschichte, wie Preußischblau entdeckt wurde, von einem ehrgeizigen Alchemisten, der Tiere folterte und eigentlich ein fundamentales Rot herstellen wollte.

Aus dem Fehler, den Grausamkeiten dieses Wissenschaftlers, der übrigens in Frankensteins Schloss geboren wurde, entstand dieses blaue Pigment, und daraus destillierte jemand Cyanid.

Und Cyanid ist dieses Gift von Mördern und Selbstmördern, weil es so schnell wirkt.

Es war ein langer Weg, der zu den Nazi-Größen führte, die sich mit Cyanid töteten, nachdem sie es im Holocaust in den Gaskammern verwendet hatten.

Man folgt also einem kleinen Molekül und bekommt ein Bild von Europa vom 17.

bis zum 20.

Jahrhundert.

Wenn man Ihr Buch liest, hat man den Eindruck, Sie haben ein Faible für Exzentriker.

In der ersten Geschichte allerdings ist die Hauptfigur eine Farbe.

Ein Blau.

Oder ein leuchtendes Grün, wie im spanischen Titel.

Poesie und Mathematik haben viel gemeinsam.

Aber die Mathematik ist das viel größere Rätsel.

Ich glaube, wir verfügen nur über zwei Systeme, um die Welt zu verstehen: Die Sprache, und da ist die Poesie die wichtigste Entwicklung, denn sie beschäftigt sich mit Sprache wie die Mathematik mit Gleichungen.

Wir nützen sie, um tiefere Bedeutungen heraus zu kitzeln, um die Welt zu verstehen.

Und es gibt die Mathematik.

Sie können nicht ein Atom mit einem Gedicht spalten.

Aber man kann ein Atom mit einer Gleichung spalten, oder mit einer Reihe von Gleichungen.

Wir haben diese beiden Systeme und wir wissen bei beiden nicht, wie sie entstanden.

Ist es eine Erfindung, eine Entdeckung oder Teil der Welt.

Fritz Haber starb 1934.

Er kannte die Gaskatastrophe des Ersten Weltkriegs, er konnte nicht wissen, was nach seinem Tod in den Konzentrationslagern geschah.

Er hinterließ einen Brief mit seinem Schuldbekenntnis, nicht für das Cyanid, er akzeptierte die Grausamkeiten des Krieges, sondern dafür, das Gleichgewicht des Planeten gestört zu haben?!

Ich urteile nicht über meine Figuren, ich bin kein Historiker.

Ich denke aber, im Fall von Fritz Haber ist es sehr klar.

Er war ein Kriegsakteur.

Er war ein Genie, kein Zweifel, aber er war der Erste, der Gas in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs einsetzte.

Und seine Frau, Clara Immerwahr, die erste deutsche Frau, die einen Doktor in Chemie machte, war sich der Wirkung des Gases auf die Soldaten an der Front vollkommen bewusst, sie hatte die Tierversuche gesehen.

Als Fritz Haber nach dem ersten Sieg der Deutschen mit Gas nach Hause kam, konfrontierte sie ihn damit und sagte, das kannst Du nicht machen, du bist ein Mann der Wissenschaft.

Und er gab eine riesige Party für sich bei ihnen zu Hause.

In derselben Nacht nahm sie seinen Revolver, ging in den Garten und schoss sich ins Herz.

Sie verblutete in den Armen eines ihrer Kinder.

Fritz Haber war nicht einer der Wissenschaftler, die in einem inneren Aufruhr gefangen waren.

Er setzte den Gaskrieg fort.

Und im 20.

Jahrhundert gibt es Fritz Haber, der 1918 den Chemie-Nobelpreis für die Entdeckung erhielt, wie sich Stickstoff fixieren lässt, “Brot in der Luft”, schreiben Sie, das ist die Basis für Dünger nach der Haber-Bosch-Methode.

Aber er erfand auch die neue Art des industriellen Krieges mit Gas.

Was schließen Sie daraus?

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