“Unvergessliche Zeit”: Kunstwerke über den Corona-Lockdown – Top News

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Embedded Art, wie Thomas Trummer aufzeigt, Direktor im Kunsthaus Bregenz und Kurator der Schau “Unvergessliche Zeit”, die Arbeiten aus der Quarantäne und darüber hinaus zeigt.

“Ich habe manchmal das Gefühl gehabt, dass natürlich das Medium der Zeichnung wichtiger geworden ist.

Der Strich ist die Spur des eigenen Ichs, wenn ich einen Strich mach’, weiß ich, er wird weitergehen oder ich denke ihn mir weiter, ich spüre meine unmittelbare Zukunft und gleichzeitig spüre ich beim Rückblicken des schon auf Papier gebrachten Strichs meine unmittelbare Vergangenheit.

Also diese ganze Zeitlichkeit, die wir durch den Lockdown spüren, die ist in der Zeichnung und im Tun auch vergegenständlicht.

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Die englische Künstlerin und Turner-Preis-Trägerin Helen Cammock kann dem Übermaß an Zeit und Selbstintensität dagegen eine Film- und Textinstallation abgewinnen: “They call it idlewild” ist Sinnsuche in Bildern und Essay über die Trägheit.

Der Blick aus dem Fenster, Türen, eine tote Fliege, die Falten des Küchenhandtuchs, eine Straße, irgendwo in England, ein weißer Lieferwagen kommt und kracht durch eine Pfütze und fährt wieder weg – durch die Pfütze, was Kurator Thomas Trummer als eine Aufregung im Unaufgeregten bezeichnet: “Eine Stille, aber dann doch eine Zeit, die uns in ihrer Dehnung bewusst wird.

Wir sind auch heraus geworfen aus der Hektik, der Produktivität und aus dem Zwang, besser und schneller zu werden.

Es geht um Fragen der politischen Integration, des Kapitalismus, einer Gesellschaft, die Menschen zum Arbeiten, zur Leistung antreibt und nicht Ruhe geben will.

Und plötzlich ist diese Ruhe da.

In Zeiten der Pandemie hat das Kunsthaus Bregenz sieben international bedeutende Künstlerinnen und Künstler eingeladen in das neue, prekäre Lebensgefühl einzudringen.

“Unvergessliche Zeit “heißt die Ausstellung, die aktueller nicht sein könnte.

We eat cake – wir essen Kuchen, verkündet Ania Soliman mit roten Tuschelettern auf einem viereckigen Blatt Papier.

Darunter sind mit beherzter Linienhektik drei kleine Torten gezeichnet.

Auf dem Blatt daneben eine Zeichnung des kastenförmigen Kunsthauses Bregenz und am 9.

Mai zeichnet die polnisch-ägyptische, in Bagdad aufgewachsene und inzwischen in Paris lebende Künstlerin sechs nebeneinander stehende Krankenschwestern mit Maske, die Arme angewinkelt und die Hände kampfbereit zu Fäusten erhoben.

Der ins Bild geschriebene Titel: Solidarnosc.

Arbeiten, die zu einer Serie auf Instagram gehören und so etwas sind wie Ania Solimans Online-Tagebuch während des Lockdown.

Ein “Journal der Einengung” – so der Titel.

Glaubt man der Bregenzer Schau, dann hat der gesellschaftliche Großversuch des Corona-Lockdowns in der Kunst zu einer Konzentration aufs Wesentliche geführt.

Lauter einsichtig werdende Momente der Reflexion und der existenziellen Chiffren.

William Kentridge dreht während der Quarantäne einminütige Filme in seinem Atelier.

“The long Minute”: kurzweilige Episoden, humoristische Ausreißer.

Eine Nashornmarionette tanzt – genau – auf der Nase.

In einer anderen Episode begegnet sich der Künstler selbst im Atelier, zwei Kentridges, aber keine Idee fürs Kunstschaffen.

Um der quälenden Unruhe zu entkommen, zählen sie ebenso lakonisch wie sich zugewandt die letzten verbleibenden Sekunden der langen Minute an den Fingern ab.

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Barockes Drama

Seismographische Kunst

Ania Solimans Zeichnungen auf Instagram dienen nicht nur der spontanen Klärung von Ausgehbeschränkungen, Wohnungsauseinandersetzungen, wechselnden Stimmungen, unruhigem Schlaf oder Distanzhalten.

Mit ihrem intimen Sinnenreiz, ihrer ganz eigenen Handschrift sind sie auch beiläufiges Zeichen für den Anspruch auf das unverfügbar Private.

Annette Messager klotzt unterdessen mit barockem Drama.

Ungerahmt hängen an der hohen Wand im Eingang des Bregenzer Kunsthauses gut zwei Dutzend Aquarelle von Schädeln, graue, dunkelblaue und schwarze, manchmal mischt sich ein roter ein, was einen persönlichen Hintergrund hat, wie Thomas Trummer sagt: “Messager ist in den Siebzigern und hatte eine Schädeloperation im Herbst.

Es sei gut ausgegangen, wie sie mir erzählt, aber dann kam der Lockdown und die Quarantäne.

Und diese Bilder entstehen während der Quarantäne, das ist der Umgang mit der Todesnähe, die sie hatte und auch mit den Ängsten, die man hat in so einer Situation.

Aber gleichzeitig ist es auch manchmal spielerisch und sehr oft ist es auch ein Liebesbekenntnis, manchmal taucht er zu zweit auf, Stirn an Stirn und formt sogar ein Herz.

Also es ist nicht nur der Grusel, der Schauer und der Schock, sondern auch Vertrautheit und Liebe.

Keineswegs für alle, daran erinnert Rabih Mroué.

Rasch wechseln die Bilder in seiner Videoarbeit “Kreide-Konturen” mit den Umrissen menschlicher Figuren auf schwarzem Grund – sie vereinzeln, schweben, liegen, krümmen sich, zucken und versuchen zu entkommen – Flüchtende.

“I thought all lives matter”, resümiert der Erzähler.

Das Werk ist dabei einige Wochen vor den Black-Lives-Matter-Protesten entstanden – wache, seismographische Kunst.

Dazu gehört auch, dass der Maler Markus Schinwald in einer Serie aus den 1990er-Jahren Portraitfiguren in historischen Gemälden Handicaps und Gebrechen angedichtet und angemalt hat: Brillen, Hörgeräte, Spangen, Prothesen.

Und Masken, die die Portraitierten vor dem Blick der anderen schützen.

Auch eine Form der Freiheit.

Überhaupt gibt es viel Offenheit und Neugier in den Arbeiten in der Bregenzer Schau zu entdecken – ansteckend, diese Kunst.

In Zeiten der Pandemie hat das Kunsthaus Bregenz sieben international bedeutende Künstlerinnen und Künstler eingeladen in das neue, prekäre Lebensgefühl einzudringen.

“Unvergessliche Zeit “heißt die Ausstellung, die aktueller nicht sein könnte.

“Unvergessliche Zeit”: Kunstwerke über den Corona-Lockdown

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