Warum das Virus durch die Masken ein Gesicht bekommt – Top News

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Und nun plötzlich ein bisschen verordnete Gleichheit.

Zugegeben: Erstmal nur im Supermarkt und in Verkehrsmitteln, aber wer weiß denn, was noch kommt? Schaden kann ein Mundschutz sicher nicht.

Trotzdem: Ständig die eigene Atemluft wiederzukäuen macht uns vielleicht nicht gleich zu Kühen, aber angenehm ist was Anderes.

Freiheit hat viel mit Luft zu tun: “Freiheit atmen” nennt der Dichter das gern, während “das Gefühl zu ersticken” untrennbar zum Gefangensein gehört.

Im Mittelalter glaubte man übrigens, die Pest würde durch faulige Luft ausgelöst.

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Deshalb hat die venezianische Pestmaske einen Schnabel: Man tat Kräuter und Öl getränkte Tücher hinein, um die Atemluft zu purifizieren.

Man könnte das belächeln, wenn man nicht wüsste, dass 300 Jahre später Slipeinlagen und Staubsaugerbeutel zum Einsatz kommen.

Man wüsste nur allzu gern, wie sich die Archäologen der Zukunft das wohl zusammenreimen…

Bisher war das Virus ein großes Nichts, die sichtbaren Veränderungen bestanden in der Abwesenheit von Dingen: keine Kondensstreifen mehr, weniger Autos, leere Supermarkt-Regale, Fußgängerzonen ohne Fußgänger.

Der Mundschutz kapert die Leerstellen nun mit voller Wucht, allerorten haben wir ihn vor uns, und auch noch fast auf Augenhöhe.

Er wird zur Erinnerungsstütze, zum Eselsohr.

Jetzt kann keiner mehr vergessen, dass da was in der Luft liegt.

Der Schutz vor dem Virus wird so zu einer kollektiven visuellen Erfahrung.

Wie geht es der Kultur in Zeiten von Corona und welche Angebote gibt es auch Online? Wir haben sie auf der neuen BR Kulturbühne gesammelt!

Selbst genäht, medizinisch steril oder als Schal: Erst haben sich Masken ins Alltagsbild geschlichen.

Mit der Pflicht in Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln sind sie nun überall präsent.

Und das wird einiges mit uns machen – auch kulturell.

Am Samstagfrüh habe ich sie auf der Straße liegen sehen.

Zwischen Zigarettenstummeln, Kronkorken und schwarzen Hundekotbeuteln lag sie auf dem Asphalt: eine selbst genähte Corona-Maske.

Rot mit rosa Wölkchen.

Menschen mit Masken hat man ja schon öfter gesehen, auch vor Corona, aber so ein Mundschutz auf der Straße, platt gefahren von einem Auto, das war ein völlig neues Bild.

Bis gestern trugen Maskenträger ihre Maske freiwillig.

Sie war ein Zeichen dafür, dass man A ein besonders rücksichtsvoller Mensch ist, der andere schützen und seinen Teil zur Abflachung der Kurve leisten will: Die Maske als Zeichen der Solidarität.

Oder dass man B ein eher ängstlicher Typ ist, der sich selbst schützen möchte, der vielleicht zur Risikogruppe gehört oder die Eltern pflegt: die Maske als Zeichen besonderer Schutzbedürftigkeit.

Die Maskenpflicht nivelliert diese äußeren Zeichen nun.

Bisher war die Krise ja eine Zeit der Unterschiede: zwischen noch mehr und plötzlich gar keiner Arbeit mehr; zwischen etwas Zuviel der lieben Familie und der totalen Vereinsamung; zwischen Milliardenhilfen für die einen und Hartz IV für Kulturschaffende.

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen.

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Der Mundschutz aber ist eine Barriere, eine textile Trennscheibe, nicht nur für das Virus, sondern auch für unsere Blicke.

Das Gesicht wird schwer lesbar.

Was bleibt sind die Augen – die “Fenster zur Seele” – aber wer will beim Einkaufen schon Seelen gucken? Was wir wollen und brauchen ist Mimik, und die findet im ganzen Gesicht statt: Lippenbewegungen und Kinnstellungen, kleine Anspannungen im Kiefer oder der Hauch eines aufgeblähten Nasenflügels.

Denn es geht eben nicht so sehr um das Gesicht, das wir haben, sondern um das Gesicht, das wir machen.

Das alles verschwindet nun.

Nonverbale Kommunikation wird damit “im Keim erstickt” – und das Reden wird auch schwierig: Wer jetzt noch nuschelt, den versteht keiner mehr.

Fakt ist: Durch die Schutzmasken wird diese ebenso globale wie unsichtbare und für die meisten noch immer eher berichtete als selbst erfahrene Pandemie plötzlich haptisch greifbar.

Man könnte fast sagen: Das Virus bekommt durch die Masken ein Gesicht, aber das passt natürlich überhaupt nicht, denn gerade das Gesicht wird ja nun verdeckt.

Und genau damit haben viele Menschen ein Problem.

Das Gesicht ist in der europäischen Kultur Ausdrucksträger der Person, es repräsentiert den Menschen, steht für Wahrhaftigkeit.

Sein Gesicht zu wahren ist oberstes Gebot, wer es verliert, büßt seine soziale Glaubwürdigkeit ein.

Nicht umsonst steckt im Wort “Gesicht” die Sichtbarkeit mit drin.

Das Unsichtbare sichtbar machen

Masken sind Kulturgut

Verordnete Gleichheit und faulige Luft

Und die ist analog.

Archäologen der Zukunft werden auch ohne Zugang zu digitalen Daten von der Pandemie erfahren, wenn sie sich einst aus den Resten unserer Zivilisation – vulgo: unserem Müll – ein Bild unserer Gesellschaft machen wollen.

Die werden sich sicher ganz schön wundern über all die selbst genähten bunten Stoffstücke in den Erdschichten des frühen 3.

Jahrtausends.

Selbst genäht, medizinisch steril oder als Schal: Erst haben sich Masken ins Alltagsbild geschlichen.

Mit der Pflicht in Geschäften und öffentlichen Verkehrsmitteln sind sie nun überall präsent.

Und das wird einiges mit uns machen – auch kulturell.

Expressive Theater- und Karnevalsmasken sind für Kulturwissenschaftler hochinteressant.

Sie gelten als zweites Gesicht, verbergen und befreien von der naturgegebenen Physiognomie, zeigen dafür etwas anderes, selbst Gewähltes.

Schutzmasken waren bisher nicht so interessant, sind sie doch rein aus ihrer Funktion heraus zu verstehen: die Schweißermaske schützt vor Funken, das Fechtvisier vorm Degen und der Strumpf den Bankräuber vor seiner Entlarvung.

Die Corona-Masken aber werden unseren Alltag verändern, es wird Moden geben und ich sage mal voraus: Der Trend geht zur Zweitmaske!

Warum das Virus durch die Masken ein Gesicht bekommt

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