Warum in Damen-Handtaschen eine gute Portion Freud steckt – Top News

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Barbara Knopf: Mode beschreiben Sie als ein Mysterium aus Zeichen und Symbolen, mehrdeutig, kompliziert, widersprüchlich – wie die Menschen, die sie tragen.

Und nun läuft Corona bedingt alles ins Leere: Befinden wir uns modisch gesehen in einem eingefrorenen Moment?

Barbara Knopf hat für die Kulturwelt mit Katja Eichinger gesprochen.

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“Eine Designer-Handtasche ist das weibliche Pendant zum Phallussymbol!”.

Diese und andere steile Thesen vertritt Autorin Katja Eichinger in ihrem Buch “Mode und andere Neurosen”.

Eine Annäherung an modische Phänomene – auf der Couch.

Das modische It-Piece der Stunde ist, geben wir es zu, die Jogginghose.

Wer hat im Home-Office schon Lust auf glamouröse Sperenzchen? Oder am vereinzelten Büroarbeitsplatz? Trotzdem: Mode hat mit Sehnsüchten zu tun, und die haben wir ja noch immer.

Katja Eichinger, gerne mit dem Etikett “Witwe des Filmproduzenten Bernd Eichinger” gelabelt, hat schon viele Projekte angestoßen: Ausstellungen kuratiert, als Film-Journalistin gearbeitet, Bücher geschrieben.

Nun wirft sie einen ziemlich schweifenden Blick zwischen Psychologie, Philosophie und Feminismus auf die “Mode und andere Neurosen”, so der Titel ihres neuen Buches.

“Mode und andere Neurosen” – das Buch von Katja Eichinger ist im Aufbau Verlag/Blumenbar Verlag erschienen und kostet 20 Euro.

Auf der BR-KulturBühne präsentiert sie ihr Buch auch ab sofort.

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Erst einmal: Begehren und Scham gehört ja oft auch zusammen.

Aber diese Idee, die der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan in den Satz “Ich begehre, also bin ich” gefasst hat, die wird glaube ich nicht ausgeschaltet werden.

Je größer die Verbote, desto größer die Sehnsüchte.

Interessant gerade ist diese völlige Absenz von Status.

In den letzten Jahren hatte das mit der Überfrachtung durch Designer-Logos extrem Überhand genommen.

Ich kann mir vorstellen, dass man es als befreiend empfinden kann, das nicht mehr alles mit sich herumzuschleppen und sich stattdessen zu reduzieren.

Sodass wir vielleicht ein bisschen bescheidener aus dieser Sache herauskommen.

Denn wir haben ja auch gemerkt, wer jetzt wirklich das Land am Laufen hält.

Das sind oft Menschen, die sich das alles nicht leisten können.

Und das ist eigentlich eine Beleidigung, Ihnen das permanent vor die Nase zu halten.

Die Frage ist ja auch, ob vielleicht die Zeiten eines mentalen Hedonismus vorbei sind.

In der Mode geht es um Begehren und begehrt werden, um Konsum.

Vielleicht schämen wir uns bald – so wie es jetzt auch die Flugscham gibt?

Katja Eichinger: Mode ist ja beides, einerseits sehr persönlich und intim, denn wir tragen sie auf unserer Haut – und das findet ja immer noch statt.

Wir achten sehr darauf, wie wir uns fühlen, wie wir uns kleiden.

Aber das soziale Element, das Schauspiel, die Bühne, die die Mode bietet, die ist gerade mehr oder weniger ausgeschaltet.

Und wie wir da wieder rauskommen und wie diese Bühne aussehen wird, das ist natürlich die große Frage nach Corona.

“Eine Designer-Handtasche ist das weibliche Pendant zum Phallussymbol!”.

Diese und andere steile Thesen vertritt Autorin Katja Eichinger in ihrem Buch “Mode und andere Neurosen”.

Eine Annäherung an modische Phänomene – auf der Couch.

Der ursprüngliche Impuls Ihres Buches war aber ja ein anderer, es ist lange vor Corona konzipiert worden.

Sie nähern sich den modischen Erscheinungen eigentlich wie Sigmund Freud seinen Patienten auf der Couch: Sie haben die Mode psychoanalytisch unter die Lupe genommen, mit sehr pointierten Ergebnissen.

Zum Beispiel, wenn man den größten gegenwärtigen Fetisch nimmt: die Handtasche.

Ein Milliardengeschäft.

Die klappen Sie recht resolut und handfest auf und sagen: Im Grunde steckt da der ganze Freud drin.

Ja, diese Ketten wie Mango, H&M, Zara.

Fast Fashion ist eigentlich der wichtigste Trend der letzten 15 Jahre, denn da hat sich einfach eine Industrie entwickelt, die hyperbeschleunigt den Konsum predigt.

In den letzten 15 Jahren haben wir 60 Prozent mehr Kleidung gekauft, aber gar nicht so viel mehr ausgeben.

Diese Mode ist aus Polyester oder billigen Stoffgemischen.

Das fühlt sich auch sehr unangenehm auf der Haut an.

Aber das nach-außen-Strahlen ist jetzt so unwichtig geworden.

Wie wir uns fühlen, ist wichtig geworden.

Ich hoffe daher, dass die Fast Fashion, die ökologisch einfach nicht tragbar ist, jetzt zurückgeht.

Ja, die systemrelevanten, sehr niedrig bezahlten Berufssparten.

Da könnte man schon fast den Bogen schlagen zur “Fast Fashion”, wo ja auch eine unglaubliche Ausbeutung an Arbeitskraft verlagert nach Asien und anderswohin stattfindet.

Wenn wir uns morgens anziehen, begeben wir uns in die symbolische Ebene.

Es liegt in der Natur des Symbols, dass es einerseits offensichtlich ist und sehr klar mit uns spricht, andererseits aber auch völlig missverständlich und mysteriös wirkt.

Es kann permanent fehlinterpretiert werden, ist per se ambivalent.

Kann das eine, aber auch das andere symbolisieren.

Ein Symbol ist immer auch eine Projektionsfläche.

Vermutlich ist das der Trägerin gar nicht so bewusst?

Absolut.

Also das Buch ist voller sehr steiler Thesen, die keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben.

Meine These zur Designer-Handtasche ist: Sie ist das weibliche Pendant zum Phallussymbol.

Ein phallisches Symbol, sagen wir der Ferrari oder die Yacht oder die Zigarre, soll die ganze Zeit Penetration verkörpern.

Diese Handtaschen, die zunehmend aussehen wie kleine Tresore mit großen goldenen Schlössern, symbolisieren ja permanent: Zutritt verboten.

Was hier drin ist, ist sehr rar und sehr wertvoll.

Das heißt, es geht nicht um Penetration, sondern um Nicht-Penetrierbarkeit – falls es das als Wort gibt.

Als Conclusio Ihres Buches unterstützen Sie das: Sie finden diese Ambivalenz toll!

Warum in Damen-Handtaschen eine gute Portion Freud steckt

Ja, genau.

Das Buch ist erst einmal eine große Ode an die Ambivalenz.

Ich glaube, was mich zunehmend gestört hat in den letzten Jahren ist diese Empörungskultur, dass es entweder weiß oder schwarz sein muss, egal, wo man sich im politischen Spektrum befindet.

Aber es ist völlig sinnlos, permanent in diese moralistische Scheuklappen-Haltung zu verfallen.

Das Schöne an der Mode ist, dass sie die Ambivalenz in sich trägt, und damit eben auch das Menschliche.

Eigentlich auch eine Selbstvergewisserung – die finden Sie auch in der Tätowierung!

Es ist eine Suchfunktion! Begleitend zur digitalen Revolution, die ja wirklich unsere Gesellschaft ins Wanken gebracht hat.

Unser Sinn dafür, wer wir sind, unsere Identitätswahrnehmung ist so fragmentiert geworden.

Da gibt es einerseits das mediale Ich, das zunehmend zu einem Ideal-Ich erhoben wird.

Das wahre Ich wird immer kleiner und fühlt sich immer verlorener.

Durch diese vielen verschiedenen medialen Plattformen werden wir auch zunehmend fragmentiert.

Wie schafft man da noch eine Form von Plausibilität? Dass man sich daran erinnert, dass es tatsächlich noch einen roten Faden im Leben gibt, dass wir nicht ein riesiges auseinander gefallenes Puzzle sind, das nicht mehr zusammenpasst? Da sind Selfies Teil dieser Suche nach dem Selbst.

Es ist ein visuelles Narrativ, das wir über uns selbst erzählen.

Nun geht es bei der Mode auch sehr viel um Selbstbespiegelung.

Ausdruck dieser Selbstbespiegelung sind die Selfies, die ein starkes narzisstisches Element in sich tragen.

Sie sehen das kritisch, aber nicht nur negativ: darin liegt Ihrer Meinung nach auch eine interessante Schutzfunktion.

Ja, genau.

Es gibt einen schönen Satz in der englischen Version des Kommunistischen Manifests, da heißt es: “All that is solid melts into air”.

Das beschreibt im Grunde auch sehr schön die digitale Revolution, in der sich alles in digitale digitals aufzulösen scheint.

In diesem digitalen Nebel scheinen wir alle zu verschwinden.

Das Tattoo ist natürlich eine große Geste, dagegen zu sagen: Ich existiere.

Und ich bin auch irgendwo besonders und einzigartig.

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