“Wasser ist politisch geworden” – Top News

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Für die Hauptfigur ihres Romans, Hannah, ist das Thema Umweltverschmutzung zunächst kein Thema.

Sie kommt in ihre Heimatstadt, will dort aber nur die Wohnung ihres verstorbenen Vaters abwickeln und ein paar Testaments-Fragen klären.

Am Anfang sehr distanziert – trotzdem findet sie sich zunehmend in einem dichten Beziehungsnetz wieder?

Bei einem Schriftsteller, der sehr gerne schwimmt und auch sonst an Sie erinnert, haben Ihre Leser und Leserinnen natürlich John von Düffel vor Augen.

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Kann die so genannte schöne Literatur etwas gegen den Klimawandel tun? Und sollte sie?

John von Düffel: Es war keine Metapher, sondern eine Nachrichtenmeldung, die mich auf diesen Titel gebracht hat und der Anfang der Beschäftigung mit diesem Buch war.

Es gab im Juni 2017 einen Spiegel-Artikel über Bangalore, die drittgrößte Stadt Indiens, wo die Gewässer so verschmutzt sind, dass bei gewissen Temperaturen und Sonneneinstrahlungen das Wasser brennt.

Das hat mich als Wassermensch natürlich zutiefst erschüttert.

Dann kamen die sehr heißen Frühjahre und Sommer 2018/2019.

Und ich habe gemerkt, dass auch hier die Seen in gewisser Weise brennen: Die Wasserspiegel sinken, das Wasser verdunstet, große Trockenheit.

Und deswegen war dann doch Indien nicht der Schauplatz, sondern Deutschland.

Ich habe den Schriftsteller, wenn man so möchte, gleich am Anfang des Romans beseitigt.

Der verstorbene Vater von Hannah, dessen Erbe sie antreten soll oder muss, war Schriftsteller und Schwimmer und hat ein letztes Buch geschrieben, in dem er seiner Wasser-Leidenschaft nachgeht.

Nicht, indem er ins Wasser steigt, sondern indem er auf das Wasser schaut.

Und zwar auf das Wasser, das am Himmel zu sehen ist: die Wolken.

Fantastische Gebilde, einerseits Naturerscheinung und andererseits auch so etwas wie Fiktion.

Mit Wolken fangen Träume an.

Dieser Schriftsteller hielt Wolken für beschreibungswürdig, weil er in ihnen eine aussterbende Spezies sah.

Wolken sind selten geworden und sie haben die Macht zu regnen verloren – das waren tatsächlich Gedanken, die mich überfallen haben beim Blick in den Himmel in den letzten beiden, sehr trockenen Sommern.

Die Wolken waren selten.

Ich als gebürtiger Norddeutscher habe mir nie träumen lassen, dass ich mal denken würde, Wolken werden knapp.

Ich war natürlich auf sehr vielen Demonstrationen.

Eine der eindrücklichsten und gleichzeitig erschütterndsten Erfahrungen dabei ist auch eingegangen in das Buch.

Im letzten Sommer fanden in Potsdam bei Berlin viele Demonstrationen statt und gleichzeitig brannten ringsum die Wälder.

Ich erinnere mich noch sehr genau, wie die Rauchwolken in die Stadt zogen.

Leute haben bei der Feuerwehr angerufen, weil sie gedacht haben, Berlin brennt.

Aber es waren die Wälder ringsum.

Und auf der Demonstration hatten alle Kinder und Jugendlichen sich die T-Shirts bis zur Nase hochgezogen, um überhaupt noch richtig atmen zu können.

Die Luft war bedrohlich verrußt, verraucht, unangenehm.

Das ist vielleicht das Bild, das keine Worte mehr braucht: Wenn man nicht mal mehr demonstrieren kann für die Rettung des Klimas, weil die Luft zu verschmutzt ist, dann ist ein Punkt der Zuspitzung erreicht, der für sich selber spricht.

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Kann ein See brennen? Ja, erfuhr John von Düffel – wenn der chemische Cocktail stimmt und die Hitze groß genug ist.

Für den Schriftsteller Inspiration für einen Fridays-for-Future-Roman.

Der erste größere Roman zum Thema “Fridays for Future” kommt ausgerechnet von einem Vertreter der Generation, der immer Untätigkeit und Egoismus vorgeworfen wird.

Der 1966 geborene John von Düffel allerdings hat freitags mitdemonstriert, wie er im Interview mit Judith Heitkamp erzählt.

Das Generationen-Thema beschäftigt ihn trotzdem.

Düffel ist seit seinem Debut-Roman “Vom Wasser“, erschienen 1998, in der deutschsprachigen Literatur geradezu für das nasse Element zuständig, er ist selbst regelmäßiger Schwimmer, nicht nur im Becken, gerne in natürlichen Gewässern.

Judith Heitkamp: “Der brennende See“ – und das als Titel eines Buchs von John von Düffel .

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wann brennt ein See?

Welche Rolle spielt die Figur des Vaters?

Was ist also Ihre Beziehung zu Fridays for Future?

Alles abgesagt wegen Corona? Mehr Tipps und Angebote für Kultur auf der Couch gibt es auf unserer BR Kulturbühne.

Für mich als Autor haben immer Wasser und Familie zusammengehört.

Wasser ist aber ein Thema, das sich jetzt auf Grund des Klimawandels politisiert hat.

Es geht mir nicht mehr so sehr um das Poetische, wie ich es am Anfang mit meinem allerersten Roman “Vom Wasser” – lang ist’s her – empfunden habe.

Diese Themen sind Menschheitsthemen.

Hannah hat keinen richtigen Standpunkt in dieser Sache, sie begegnet den Standpunkten der anderen.

Ich wollte in einem Buch zum Thema Klimawandel, in diesem ganzen mit Debatten schon verminten Gelände, nicht eine Hauptfigur mit noch einer weiteren Meinung.

Hanna ist auf der Suche.

Für mich ist ungewöhnlich, dass sehr viele Figuren sprechen, teilweise auf Hannah einreden.

Sie hört viel zu.

Sie enthält sich aber selber einer Meinung, und das war auch das, was ich mir beim Schreiben auferlegt habe.

Ich wollte, dass man sich mit Hannah zusammen, eine Meinung von dem bilden kann, wo wir gerade stehen.

Nämlich in den Streit um den verschmutzten Baggersee.

Ist das die zentrale Botschaft: Umwelt und Beziehungen gehören notwendig zusammen?

Sie nehmen insofern Ihre eigene Generation zurück.

Im Mittelpunkt steht die Tochter-Generation und die ihr folgende Generation.

Da gibt es Julia, die fürs Klima kämpft, auch mit radikalen Mitteln.

Wer hat Recht?

“Der brennende See” von John von Düffel ist im DuMont Verlag erschienen.

Sie kommt in einer Ausnahmesituation, sie hat ein Elternteil verloren.

Ihre private Situation wird aber immer gesellschaftlicher, politischer, weil sie in das politische Thema einer Kleinstadt hineingezogen wird.

Ich hatte mich auch selbst vor Augen, aber nicht jetzt, sondern in 30 Jahren oder 20, je nachdem, wie es läuft, aber in jedem Fall war das natürlich eine, hoffentlich auch als selbstironisch zu erkennende Projektion in die Zukunft.

Ich habe auch eine Tochter, aber die ist, Gott sei Dank, noch nicht so alt.

Insofern habe auch ich noch ein paar Jahre vor mir.

Sie kann vor allen Dingen erst einmal dafür sorgen, dass man eine Sprache findet für die vielen Veränderungen.

Vor allen Dingen für die Lücke oder den Konflikt, der zwischen den Generationen jetzt aufklafft, der jetzt noch Züge von Niedlichkeit hat, der noch nicht militant geworden ist, noch nicht so radikal.

Der aber vielleicht doch radikaler wird, je weiter die Zeit voranschreitet, je enger die Handlungsspielräume werden.

Und insofern kann Literatur ein Versuch sein, ein Gespräch zwischen den Generationen möglich zu machen.

Letztlich haben ja alle dasselbe Interesse: Dass man eine Zukunft schafft, in der es sich zu leben lohnt.

Und das hat ganz extrem damit zu tun, wie wir mit dem Wasser und dem Wetter umgehen.

Kann ein See brennen? Ja, erfuhr John von Düffel – wenn der chemische Cocktail stimmt und die Hitze groß genug ist.

Für den Schriftsteller Inspiration für einen Fridays-for-Future-Roman.

“Wasser ist politisch geworden”

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