Wie Literatur hilft, die Proteste in den USA zu verstehen – Top News

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Ulrich Baer: Ich bin ja in Downtown, und jeden Abend sehe ich Polizeiautos mit Blaulicht, die alle Straßen blockieren, weil wir eine Ausgangssperre haben.

Ab 20:00 Uhr darf niemand mehr auf der Straße sein.

Und es gibt jeden Tag Demonstrationen.

Die Stimmung ist so, dass die Leute eigentlich das Ganze mittragen und sagen, das ist wichtig, aber die Ausschreitungen unterstützt niemand.

Und die Polizei, die sich so einigermaßen verhält, steht dazwischen.

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Ich wohne ja schon lange hier in der Stadt und habe sie noch nie so erlebt.

Ich war auch nach dem 11.

September hier, aber dass die Stadt selber die eigenen Bürger so sehr kontrolliert und dass uns eine Ausgangssperre verhängt wurde, ist ein sehr komisches Gefühl.

Nun soll ja New York nach Corona wieder aufmachen, man denkt, dass die Läden wieder aufmachen, aber noch sind fast alle in meinen Bezirk vernagelt und verbrettert.

Es ist ein bisschen gespenstisch, die Straße entlang zu gehen.

Diese Rede habe ich mit meinen Studierenden gelesen, die dann gesagt haben: Der Text hätte heute Morgen in der Zeitung veröffentlicht werden können, der scheint so aktuell zu sein, denn er appelliert eigentlich an Amerika, sich selber zu überprüfen sich ins Gewissen zu reden, sich zu sagen: Amerika muss aufwachen, muss sich ändern, das Gewissen der Nation muss geschüttelt, der “Anstand der Nation” muss eigentlich schockiert werden.

Und diesen Satz fanden meine Studierenden unglaublich interessant.

Was heißt denn der “Anstand der Nation” – und was, da müsse man schockieren? Das haben sie dann direkt in Verbindung mit den Protesten heute gebracht und haben gesagt: Vielleicht muss man Aufmerksamkeit erregen auf Wegen, die nicht allen ganz genehm sind.

Ist Gewalt in irgendeinem Maße zu rechtfertigen, Gewalt gegen Dinge, Sachbeschädigung? Das wurde lange diskutiert.

In Amerika leben wir in einem Land, das aus einer Revolution entstanden ist, die Amerikaner haben sich gegen die Engländer gewehrt in einem Krieg.

Das wissen alle amerikanischen Schulkinder, und jetzt wird ihnen gesagt: Protest darf man nicht.

Diesen Widerspruch zu erfassen, dazu, glaube ich, sind die Geisteswissenschaften und Literatur ganz gut geeignet.

Ich habe einen 20-jährigen Sohn, der ist College-Student und geht zu dem Demos, und der hat mir gestern gesagt, er fände es auch nicht in Ordnung, dass ich kein Geld an bestimmte Organisationen gespendet hätte.

Darüber haben wir uns lange unterhalten, und er meinte: Du musst schon irgendetwas machen, du kannst hier nicht sitzen und deine Kurse machen und nicht teilnehmen.

Das fand ich eigentlich eine ganz wichtige Unterhaltung.

Es geht darum, ein Statement zu setzen, etwas zu machen, was vielleicht nicht unbedingt nur materiell, sondern auch symbolisch ist.

In New York ist es jetzt so, man ist Teil dieser ganzen Bewegung, und das ist das Interessante daran.

Da bin ich auch ein bisschen hoffnungsvoll, dass so viele junge Leute einfach nicht nachlassen und sagen, wir wollen etwas anderes, wir fordern etwas anderes, und dem müsst ihr euch stellen.

Das entwickelt sich ja jetzt auch so dynamisch, deswegen dachte ich, Literatur ist auch ein Feld – auch nur eine Kurzgeschichte oder ein Gedicht –, da kann man ein paar Reaktionen oder Haltungen selber praktisch ausprobieren.

Das ist wie ein Testlabor – man kann seine eigenen Haltungen in einer Geschichte oder in einem Gedicht überprüfen, statt es live zu machen, wo es wirklich schwierig oder brisant wird.

Joana Ortmann: Was ist das für eine Stimmung gerade in der Stadt?

Ich wollte mir mal die Literatur vornehmen, die Texte, die jeweils als erste sprechen: die ersten afroamerikanischen Gedichte, die ersten afroamerikanischen Kurzgeschichten, die erste Kurzgeschichte eines asiatischen Amerikaners, die erste Frau, die einen Roman in Amerika veröffentlicht hat.

Um damit zu zeigen, dass Literatur die Möglichkeit ist, zu sprechen, sich auszudrücken, eine Stimme zu finden, bevor politisch jemandem das Recht dazu gegeben wird, bevor man rechtlich anerkannt ist.

Die Studierenden haben das unglaublich positiv aufgenommen.

Zum Beispiel einen Text von Frederick Douglass, einem Diplomaten und Zeitungsherausgeber, der um 1820 in die Sklaverei geboren und später in Amerika sehr berühmt wurde.

Und der schreibt 1854 eine Rede an die Amerikaner: Wie soll ein Sklave sich fühlen, wenn Amerika die Unabhängigkeit und die eigene Freiheit feiert?

Meine Haltung ist eigentlich, zuzuhören.

Also Leuten zuzuhören und auf Kritik, soweit ich das als Mensch kann, nicht defensiv zu reagieren, sondern aufzupassen.

Am vergangenen Dienstag habe ich da versagt und hab auf Instagram nicht so ein schwarzes Quadrat reingestellt.

Da gab es ja die weltweite Netzkampagne “#BlackOutTuesday”, dass man ein schwarzes Feld postet.

Das habe ich nicht gemacht, und da hat mich ein Bekannter ziemlich angemacht und gesagt: “Na, das ist ja toll, wahrscheinlich denkst du, du bist progressiv oder liberal oder findest das alles ganz wichtig, und dann machst du nichts auf Instagram.

Du hast eine ganz andere Stellung, du bist ein weißer Mann, du bist in der Uni.

Wenn ich als Schwarzer das mache, dann sieht das aus, als wenn ich das nur aus Eigeninteresse täte, bei dir wirkt das für andere dann wichtig.

Das lesen andere, das sehen andere, und du bezieht eine Position, die vielleicht kontrovers ist, was aber wichtig ist.

” Da habe ich wirklich schlucken müssen, das hat mich, ehrlich gestanden, etwas beschämt.

Und dann habe ich am nächsten Tag diesen Brief geschrieben, den Sie gelesen haben und gedacht: Vielleicht mache ich etwas falsch, vielleicht ist es nicht der richtige Ton, vielleicht ist es nicht das richtige Wort, aber immerhin kann ich es versuchen, und vielleicht kann ich daraus etwas lernen.

Amerika ist zerrissen.

Wer die aktuelle Lage einordnen will, muss in die Geschichte des Rassismus blicken.

Und in die Literaturgeschichte, sagt Ulrich Baer, Professor in New York.

Ein Gespräch über eine Stadt und ein Land im Zeichen des Protests.

Es ist eine Situation, wie sie Ulrich Baer, ein deutscher Literaturprofessor in New York, in Jahrzehnten noch nicht erlebt hat: Die Stadt steht unter nächtlicher Ausgangssperre und ist von täglichen Protesten geprägt.

Nach dem Tod von George Floyd durch Polizeigewalt hat sich eine große Bewegung gegen Rassismus und Diskriminierung formiert, zu der sich jeder und jede verhalten muss – Abseitsstehen gilt nicht mehr.

Joana Ortmann hat mit Ulrich Baer, der in Soho lebt, über Protest und Dialog gesprochen.

Die Proteste dieser Tage sind stark von ganz jungen Leuten geprägt, Sie haben es ja als Professor sehr viel mit dieser Generation zu tun.

Und mit diesen Studierenden, die auch Teil der Proteste sind, haben Sie jetzt angefangen, Texte aus dem 19.

Jahrhundert zu lesen.

Warum?

Wie reflektieren Sie denn dabei nochmal Ihre eigene Position – als weißer Mann und auch als Literaturprofessor?

Wie groß ist die Macht literarischer Sprache in Zeiten, in denen sehr gehetzte Debatten geführt werden und politische Auseinandersetzungen auch sehr kurzatmig geworden sind – man denke an Trumps Social Media-Strategie.

Was kann da in so einem Text stecken? Ein Gegenmodell?

Ich glaube, es ist sehr schwierig, zu verstehen, was im Moment passiert.

Da kommen mehrere Sachen zusammen.

Natürlich die Corona-Krise, dass alle Leute seit drei Monaten praktisch zu Hause geblieben sind.

Dann die unglaubliche Wut und Trauer über die Morde an schwarzen Amerikanern durch die Hände der Polizei.

Dass diese Sachen schon so lange passiert sind und es keine richtigen Änderungen gab, um das zu verstehen, muss man ein bisschen zurückgreifen, ein bisschen tiefer gehen, ein bisschen weiterdenken.

Das ist, was ich mit Dialog meine: Man braucht mehr Informationen, man muss besser verstehen, wie lange diese Bewegung in Amerika schon existiert, wie lange es schon Proteste gibt gegen Polizeigewalt, und dass nicht genug passiert ist.

Dialog ist natürlich in diesem Bereich schwierig, aber eben deswegen umso notwendiger.

Diesen Brief habe ich eigentlich aus meiner momentanen Erfahrung geschrieben: Ich unterrichte zwei Sommerkurse mit 42 Studierenden, die jetzt in der ganzen Welt verstreut sind und die, ehrlich gesagt, unglaublich motiviert sind, zu verstehen, was hier passiert, wie sie politisch aktiv werden können.

Das höre ich ganz oft von Studierenden: Die Probleme sind immer noch da, es hat sich so wenig geändert, man kann sich nicht darauf verlassen, dass es sich von alleine ändert.

Und da ist der Dialog unglaublich wichtig, denn man muss versuchen, neue Lösungswege zu finden.

Die Studierenden sagen, was in den 60er-Jahren gemacht wurde, war ja gut, aber anscheinend nicht weitgehend genug.

Was in den 90er-Jahren passiert ist, war gut, aber nicht weitgehend genug.

Sie wollen also ein tieferes Verständnis haben, auch dafür, welche neuen Lösungswege gesucht werden müssen.

Der erste Satz lautet: “Wir brauchen nicht Erhellung, sondern Feuer.

Wir brauchen nicht den sanften Regen, sondern Donner.

Wir brauchen den Wirbelsturm und das Erdbeben.

” Diese Rede ist also rhetorisch so aufgeladen, und das hat die Studierenden, glaube ich, auch bewegt, zu sehen: Hier kann jemand schreiben und versucht, Menschen zu bewegen.

Sprache beschreibt ja nicht nur die Umstände, die Gegenwart, die Tatsachen, sondern kann sie verändern.

Literatur, literarische Metaphern, können die Wirklichkeit verändern.

Sie können nicht nur passiv beschreiben oder die Gesellschaft widerspiegeln, sondern die können in die Gesellschaft eingreifen.

Aktuelle Debatten, neue Filme und Ausstellungen, aufregende Musik und Vorführungen.

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In unserem kulturWelt-Podcast sprechen wir täglich über das, was die Welt der Kultur bewegt.

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Wir haben Sie als Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität New York entdeckt durch einen flammenden Newsletter, den Sie geschrieben haben.

Darin appellieren Sie in dieser schwierigen Zeit an den Dialog, das Sich-Verbinden.

Wie kann denn so ein “Connecting”, wie Sie es nennen, funktionieren unter den aktuellen Bedingungen?

Können Sie uns einen Eindruck vermitteln von dem Klang dieses Textes, der Ihre Studierenden so begeistert hat?

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Amerika ist zerrissen.

Wer die aktuelle Lage einordnen will, muss in die Geschichte des Rassismus blicken.

Und in die Literaturgeschichte, sagt Ulrich Baer, Professor in New York.

Ein Gespräch über eine Stadt und ein Land im Zeichen des Protests.

Texte können Spannungen und Widersprüche aushalten, die in der Politik und im täglichen Leben einfach gelöst werden müssen.

Da kann man nicht zwei Positionen beziehen, man muss sich irgendwann entscheiden.

Im Moment sehe ich Amerika so und mich selber auch so – ich lebe ja hier schon seit über 30 Jahren: Die Position des Nichtssagens, des Sich-schweigend-auf-Distanz-Haltens, die gibt es im Moment nicht.

Das ist ein Unterschied zu früheren Protesten.

Hier wird ganz Amerika gefordert.

Wer also nichts sagt, der hat schon eine Position bezogen.

Das ist, glaube ich, für diese jüngeren Leute ganz klar.

Wie Literatur hilft, die Proteste in den USA zu verstehen

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