Die ewig Fremden im eigenen Land: die Auswirkungen der verpassten Integration

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Viele Menschen mit Migrationshintergrund sind in diesem Land geboren, aufgewachsen und sozialisiert. Dennoch werden sie als Fremde wahrgenommen. Das wirkt sich auch auf den politischen und medialen Umgang mit Rechtsterror aus.

Viele Menschen mit Migrationshintergrund sind in diesem Land geboren, aufgewachsen und sozialisiert. Dennoch werden sie als Fremde wahrgenommen. Das wirkt sich auch auf den politischen und medialen Umgang mit Rechtsterror aus.

Viele Menschen mit Migrationshintergrund sind in diesem Land geboren, aufgewachsen und sozialisiert. Dennoch werden sie als Fremde wahrgenommen. Das wirkt sich auch auf den politischen und medialen Umgang mit Rechtsterror aus.

Die ersten Gruppen von MigrantInnen wurde in den 1960er Jahren auf Bahnhöfen wie auch Flughäfen auf roten Teppichen und mit Musikkapellen herzlichst empfangen. Auf beiden Seiten war die Freude groß: denn die Gastarbeiter würden dem deutschen Staat nach der Zwischenkriegszeit zum wirtschaftlichen Aufschwung verhelfen.

Als Gäste wurde von ihnen erwartet, dass sie früher oder später zurückkehren würden. So dachten beide Seiten. Doch mittlerweile sind die dritte und die vierte Generation von MigrantInnen mitbestimmend in der deutschen politischen Landschaft.

Nichtsdestotrotz werden diese Menschen, verstärkt seit der Flüchtlingswelle im Jahr 2015, nicht als Deutsche, sondern als „ewige Fremde“, die die „Deutschen Werte“ bedrohen, wahrgenommen. Diese Wahrnehmung äußerte sich in der jahrelangen Versäumnis MigrantInnen zu integrieren und zu inkludieren, Benachteiligungen in der Bildung wie auch auf dem Arbeitsmarkt, und nicht zuletzt in der Vermehrung von Angriffen und Hetze gegenüber MigrantInnen, mit hauptsächlich türkischem Hintergrund, die Islam als religiöses Bekenntnis haben.

…und dann kamen die Morde

Bereits in den 1980er Jahren wurden Angriffe auf MigrantInnen in Deutschland verübt. Der Mordanschlag von Solingen 1993, die NSU Morde im Jahr 2000 und die „Dönermorde“ im Jahr 2005, dessen Betitelung eindeutig rassistische Vorurteile enthält, sind einige der vielen MigrantInnenmorde, in denen hauptsächlich türkischstämmige Menschen Opfer waren.

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Im Jahr 2019 wurde im Schnitt jeden zweiten Tag ein Angriff auf eine Moschee ausgeübt und alleine im Jahr 2018 wurden 578 islamfeindliche Straftaten dokumentiert.

Die Anschläge machen auch im Jahr 2020 keinen Halt. Erst vor wenigen Tagen wurden 12 mutmaßliche Extremisten einer rechtsterroristischen Vereinigung verhaftet, die Anschläge auf Moscheen in sechs Kleinstädten Deutschlands geplant haben sollen. In der Nacht des 19.Februars wurden 9 Menschen in zwei verschiedenen Schischa-Bars in Hanau/Frankfurt von einem Rechtsextremisten hingerichtet.

Die Frage, die sich vor allem Betroffene stellen: Warum schafft es der deutsche Staat nicht, diesen Angriffen im Vorfeld entgegenzuwirken? Social Media Profile von mutmaßlichen „IS Anhängern“ wurden/werden sorgfältig überprüft. Wenn es jedoch um Individuen mit offensichtlichen rechtsradikalen Ansichten geht, die auf Social Media offenkundig ihre Weltbilder teilen, dann wird erstens der Anschein erweckt, dass sehr spät reagiert wird und zweitens als würden diese Extremisten plötzlich aus dem Nichts auftauchen, nachdem ihr geistiger Zustand unter enormen Belastungen zugrunde gegangen ist und dies in einem Blutbad ausartet.

Die Folge: entsetzte und schockierte Behörden und Politiker, eine Welle von kreativen Hashtags auf Social Media, Verurteilungen von diversen VIPs, einige Videos der Betroffenen und Interviews, Berichterstattungen die auf die Statistik von migrantenfeindlichen Taten hinweisen und eventuell noch eine Kurzdokumentation – und nach einiger Zeit ist das ganze schon wieder vergessen…vergessen bis zum nächsten Blutbad.

Dieser ganze Prozess scheint ein nie endender Teufelskreis zu sein: solange die Behörden keine produktiven und nachhaltigen Lösungen an den Tagespunkt liefern, die Extremismus in allen Dimensionen bekämpfen, solange Angriffe und Hetze gegenüber MigrantInnen nicht strafbar gemacht werden, werden diese Morde nicht aufhören.

Wer gehört zu Deutschland?

Am Tage des terroristischen Aktes in Hanau teilte Deutsche Welleein Video auf Facebook, in dem junge Erwachsene zu dem Thema „Fremde in ihrem eigenen Land: Wer gehört zu Deutschland“ über ihre Meinung befragt wurden. Alle Befragten, die selbst oder deren Eltern einen Migrationshintergrund haben, wiesen eindeutig darauf hin, dass sie Deutsche und somit Teil der Deutschen Gesellschaft seien.

Doch warum werden diese Menschen noch immer nach ihrer „eigentlichen“ Herkunft befragt. Und wann hört das Generationszählen in Europa bei „Nicht-ethnischen Europäern“ auf? Denn mittlerweile lebt die vierte Generation von „Migrantenkindern“ in Deutschland, die in diesem Land geboren, aufgewachsen und sozialisiert wurden.

Noch immer werden „Menschen mit Migrationshintergrund“, insbesondere aus Asien und Afrika, als eine Bedrohung für „europäische Werte“ wahrgenommen. Was diese „Europäischen Werte“ sind, kann noch immer niemand eindeutig nennen. Der deutsche Philosoph Prof. Dr. Andreas Niederberger meinte in einem Interview, dass es so etwas wie die „Deutschen Werte“ gar nicht gäbe. Vielmehr verwechsle man „Werte“ mit „Normen“ und „Tugenden“. Während Werte kein genaues Handeln vorgeben, bestimmen Normen welche Handlungen „richtig“ oder „falsch“ seien, und Tugenden beschreiben die Handlungsweise eines Menschen. Wörter wie „Demokratie“, „Gleichheit“, „Gerechtigkeit“ und „Freiheit“ definiert der Philosoph als Norm und nicht als Wert.

Wenn Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit akzeptierte Normen, unabhängig von Kultur und Religion sind, warum fällt es schwer diese Normen als universell zu akzeptieren und sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner in der Gesellschaft, nämlich „das Menschsein“ zu besinnen? Solange das Miteinander Leben durch differenzierende Kategorien wie Hautfarbe, Kultur und Religion definiert wird und von der Politik vorangetrieben wird, wird das Schubladendenken nicht aufhören.

Worte schaffen Bewusstsein

Während die Namen der Attentäter großflächig zitiert werden, bleiben die Opfer hauptsächlich anonyme Worthülsen. Doch weshalb fällt es insbesondere den westlichen Medien so schwer „das Kind beim Namen zu nennen“? Im Artikel derTageschauheißt es „Die Bundesregierung reagierte bestürzt auf das Gewaltverbrechen. “ Wenn die Motive des Täters klar sind, die Bilanz mit 9 Toten vorliegt, kommt die Frage auf, ob wohl eher das Wort „Terroristischer Akt“ passend wäre. ImTagespiegelwird von den „Morden von Hanau“ gesprochen, gleichzeitig wird aber der rechtsradikale Hintergrund erwähnt. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Morde in Zukunft als „Schischa-Morde“ klassifiziert werden, so wie es bereits bei den „Dönermorden“ der Fall war, ist nicht auszuschließen, wie auch dass die psychischen Störungen des Täters seine Tat rechtfertigen. Nirgends wird Rathjen als „Terrorist“ bezeichnet: Er wird vielmehr in den Deutschen wie auch in den Englischen Medien als „Täter“, „Schütze“, „mutmaßlicher Täter“ und „Attentäter“ bezeichnet.

Wörter schaffen Bewusstsein. Es ist die Verantwortung jedes einzelnen Staates mit der richtigen Wortwahl ein Verständnis zu schaffen, das derartige Taten eindeutig als „Terrorakt“ bezeichnet werden, Straftaten und Hetze gegenüber MigrantInnen strafbar gemacht werden und zugleich Maßnahmen entwickelt werden, damit Migranten nicht mehr entmenschlicht in den Medien dargestellt wie auch in der Politik thematisiert werden. Die EU-Kommission Präsidentin Ursula von der Leyen liefert ein beispielhaftes Vorbild in dem sie eindeutig, „Fremdenhass und Rassismus“ als Motiv des Rechtsextremisten von Hanau nennt und nicht von einer bloßen Gewalttat eines psychisch beeinträchtigten spricht. Es gilt nun einen Schritt vorauszugehen, und Wörter wie „Terrorist“ in das Vokabular für „westliche Täter“ aufzunehmen und den Angehörigen der Opfer Respekt zu zollen, in dem nicht von Integrationsmaßnahmen, sondern von Inklusion gesprochen wird – denn diese Menschen sind seit mehr als 60 Jahren ein Teil von Deutschland.

Meinungsbeiträge geben die Ansichten des jeweiligen Autors und nicht die der Redaktion wieder. Für Anfragen wenden Sie sich bitte an: [email protected]

TRT Deutsch
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