Gesundheitsminister Spahn: “Am Beginn einer Korona-Epidemie”.

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„Die Europäische Union ist noch in der Eindämmungsphase, es ist wichtig, das zu unterstreichen“, warnt EU-Gesundheitskommissarin Kyriakides. Indes breitet sich das Coronavirus in Europa weiter aus. Ist Deutschland gerüstet?

In rasendem Tempo prasseln Informationen über Coronavirus-Fälle und Reaktionen der Behörden auf die Menschen in Deutschland ein. Immer mehr Bürger fragen sich mit wachsender Sorge, was die Ausbreitung des Virus Sars-CoV-2 für sie bedeutet. Hunderte sind allein in Nordrhein-Westfalen von Quarantäne-Anweisungen betroffen. Gesundheitsminister Jens Spahn sieht Deutschland „am Beginn einer Corona-Epidemie“. Wie gut sind das Land und sein Gesundheitssystem gerüstet?

Krisenstäbe sind bei der Bundesregierung und den hauptsächlich betroffenen Ländern eingerichtet. Täglich gibt es Telefonkonferenzen – national und international. Pandemiepläne in Bund und Ländern werden aktualisiert. Das Robert Koch-Institut (RKI) bewertet die Situation seit vier Wochen in zwei Schichten in einem Lagezentrum. Spahn und andere Regierungs- und Behördenvertreter betonen: Deutschland verfüge über eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Man sei vorbereitet. Doch wo sind mögliche Schwachstellen?

Dreh- und Angelpunkt der Krisenbewältigung sind erst einmal die 380 Gesundheitsämter. Sie schätzen die Lage vor Ort ein, informieren die Bevölkerung und ermitteln Kontaktpersonen. „Das sind die Gesundheitsämter gewohnt“, sagt Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD). „Aber wenn es mehr Patienten werden, stoßen wir an Kapazitätsgrenzen.“

Absehbare Engpässe seien hausgemacht: 2500 Ärzte arbeiten in den Gesundheitsämtern. „Vor 15 Jahren waren es 30 Prozent mehr“, so Teichert. Schon heute absolvierten viele Beschäftigte in den Ämtern Überstunden und Nachtarbeit. „An den Hotlines sind viele überlastet, weil etwa Menschen anrufen, weil vor ein paar Tagen in einer Disco jemand gehustet hat.“

Hunderte Menschen unter Quarantäne in NRW

Wie kann es weitergehen? Hunderte Menschen in Nordrhein-Westfalen stehen unter Quarantäne – für 14 Tage. Verwandte und Nachbarn stellen Lebensmittel vor ihre Tür. „Wenn es mehr Infizierte gibt und die Kontaktpersonen alle in Quarantäne kommen, wird dies das öffentliche Leben ganz schön beeinträchtigen“, sagt Teichert.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn
(DPA)

Spahn spricht von einer möglichen „nächsten Phase“. Dann könnten nicht mehr möglichst alle Kontaktpersonen ermittelt werden. Auch Teichert sieht Grenzen solcher Maßnahmen: „Sobald es mehr solche Fälle werden, wüsste ich nicht, wie das gehen soll.“ Sie sieht die kritische Schwelle bei einer zwei- bis dreistelligen Zahl an Infizierten. Besonders geschützt würden dann Risikogruppen wie Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen. Der Fokus könnte sich dann auf Altenheime, Kindergärten, Schulen richten.

Lage „nicht außer Kontrolle“

RKI-Präsident Lothar Wieler meint: „Wir werden diese Maßnahmen so stringent führen, wie es möglich ist.“ Wie ernst ist die Lage? „Das ist noch nicht außer Kontrolle.“ Aber es sei wie in einem Kriminalfilm – plötzlich kämen neue Indizien, neue Ausbrüche, neue Kontaktpersonen. Der Verlust der Kontrolle sei denkbar. Aber häusliche Quarantäne sei auch in einer nächsten Phase wichtig.

Wie sind die rund 1900 Krankenhäuser vorbereitet? „In allen Kliniken gibt es sogenannte Ausbruchsmanagementpläne“, sagt die Vorsitzende des Ärzteverbands Marburger Bund, Susanne Johna, zugleich Pandemiebeauftragte der Bundesärztekammer. Die Abläufe bei Epidemien müssten nicht neu geregelt werden. Die Patienten würden dann so durch die Klinik geleitet, dass sie niemanden anstecken – und kämen in Einzelzimmer.

Betten mit speziellen Unterdruckschleusen, wie sie etwa für extrem gefährliche Infektionskrankheiten wie Ebola vorgesehen sind, gibt es deutschlandweit nur 47. Für das Coronavirus braucht man diese den offiziellen Empfehlungen zufolge nicht. Ein Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) sagt: „Ein Isolierzimmer kann jedes Zimmer im Krankenhaus sein, in dem eine gegebenenfalls vorhandene, mit anderen Zimmern verbundene Lüftung abschaltbar ist und das über eine eigene Nasszelle verfügt.“

Höchste Dichte an Krankenhausbetten in Deutschland

Der Regensburger Infektiologe Bernd Salzberger meint: „Wir haben in Deutschland international die höchste Dichte an Krankenhausbetten, das hilft natürlich in einem Notfall.“ Engpässe aber kann es in verschiedener Form geben. Als Beispiel sagt ein DKG-Sprecher: „Wenn es keine Mund-Nasen-Vorrichtungen mehr gibt, kann ein Krankenhaus keine Eingriffe mehr durchführen.“ Auch Personalengpässe seien denkbar – vor allem wenn sich Pfleger und Ärzte selbst infizieren oder als Kontaktperson unter Quarantäne gestellt werden. Mögliche Schwachstellen sehen Experten auch bei den Arztpraxen – der Deutsche Hausärzteverband äußert sich dazu zunächst nicht.

Alle sind sich einig: Die Schwierigkeiten wachsen mit der Zahl der Fälle. Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité sagte für den Fall einer großen Infektionswelle schon vor Tagen: „Es wird dann schwierig, die normale Versorgung aufrechtzuerhalten.“ Intensivbetten, die eigentlich für Operationspatienten benötigt würden, wären dann voll. Schon im Normalfall sind etwa die Häuser der Charité zu 85 Prozent belegt – was tun bei einer Epidemie?

Gesundheitssystem ist auf Notfälle vorbereitet

RKI-Chef Wieler spricht von mehreren Stufen: Verschiebbare Eingriffe würden dann verschoben – „dadurch gewinnt man Betten“. Wachse der Bedarf weiter, könnten Kliniken Patienten schon früher aus der Isolation nehmen. Infektiologe Salzberger sagt: „Wenn es zu einem solchen Notfall kommen sollte, werden alle ihr Bestes geben – alle Beteiligten im Gesundheitssystem sind auf Notfälle vorbereitet, das gehört bereits zur Ausbildung dazu.“ Auch die Bundeswehr kann auf Hilfeersuchen ziviler Behörden bei der Bekämpfung der Epidemie tätig werden – etwa durch logistische Hilfe oder Feldlazarette.

EU-Gesundheitskommissarin mahnt Pandemiepläne überarbeiten

Alle EU-Staaten müssen sich nach Aussagen von Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides mit Notfallplänen auf einen größeren Ausbruch des Coronavirus vorbereiten. Die Mitgliedsländer sollten ihre Pandemiepläne überarbeiten und die Brüsseler Behörde informieren, wie sie sie umsetzen wollten, sagte sie am Mittwoch bei einem Besuch in Rom. „Die Europäische Union ist noch in der Eindämmungsphase, es ist wichtig, das zu unterstreichen.“ Es gehe weiter um den Schutz vor einer ganz großen Ausweitung.

Neue Fälle von Corona-Infizierungen

In mindestens 15 europäischen Ländern gibt es inzwischen Fälle, 14 Tote wurden gezählt bei etwa 500 Infizierten, wie es vom europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hieß.

Erste Fälle wurden aus weiteren europäischen Ländern gemeldet, etwa aus Dänemark, Norwegen, Estland und Rumänien. In Italien, wo es mit mehr als 400 Infizierten und mindestens 12 Toten den größten Ausbruch Europas gibt, begab sich der Regionalpräsident der Lombardei, Attilio Fontana, in Quarantäne. Er habe mit einer Infizierten eng zusammengearbeitet, teilte er am Mittwochabend auf Facebook an.

Coronavirus in Südkorea
Coronavirus in Südkorea
(DPA)

Wegen der Ausbreitung der Lungenkrankheit Covid-19 in Südkorea verschieben die Streitkräfte des asiatischen Landes und der USA ihr Frühjahrsmanöver auf unbestimmte Zeit. In dem Land sind inzwischen mehr als 1500 Nachweise erfasst. Bisher wurden zwölf Todesfälle mit dem Virus in Verbindung gebracht. Die Mehrzahl der neuen Fälle konzentriert sich weiter auf die südöstliche Millionen-Stadt Daegu und die umliegende Region.

Im Iran ist die Zahl der Todesopfer durch die Coronavirus-Epidemie nach offiziellen Angaben auf 26 gestiegen. Wie das Gesundheitsministerium in Teheran am Donnerstag mitteilte, wurden in den vergangenen 24 Stunden sieben weitere Todesfälle gemeldet. Zudem seien 106 neue Ansteckungsfälle festgestellt worden, sagte der Ministeriumssprecher Kianusch Dschahanpur. Damit seien mittlerweile 245 Menschen mit dem Erreger der Lungenkrankheit Covid-19 infiziert.

Der stellvertretende iranische Gesundheitsminister und der direkte Coronavirus-Beauftragte im Land ist selbst an dem Virus erkrankt. „Ich bin seit gestern Abend auch ein Coronaer“, sagte Iradsch Harirtschi in einer Videobotschaft im Staatsfernsehen am Dienstag. Der Vizeminister, der in den letzten Tagen ständig versuchte, die Corona-Krise im Land schönzureden, sei nun selbst positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden.

 Iran: Vize-Gesundheitsminister Harirtschi auf der Pressekonferenz - bereits sehr angeschlagen
 Iran: Vize-Gesundheitsminister Harirtschi auf der Pressekonferenz – bereits sehr angeschlagen
(DPA)

Zahl der Infizierten in China steigt auf rund 78 500

In China stieg die Zahl erfasster Infektionen auf rund 78 500, die Zahl der Toten lag in der offiziellen Statistik für Festlandchina bei 2744. Seit einer neuerlichen Änderung der Zählweise vergangene Woche hat sich der täglich berichtete Anstieg der neuen Infektionen mit dem Virus und der Todesfälle in der Statistik Chinas deutlich reduziert. Beides wird von amtlichen Stellen gerne zitiert, wenn dazu aufgerufen wird, an anderen Orten des Landes zur Normalität zurückzukehren und die Produktion wieder aufzunehmen. Experten gehen aber von einer sehr hohen Dunkelziffer aus.

Außerhalb von Festlandchina wurden inzwischen aus mehr als 40 Ländern und Regionen mehr als 3300 Infektionen und mehr als 50 Tote gemeldet, wie aus einer Aufstellung des chinesischen Internetunternehmens Tencent hervorging.

DPA
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